Nachdem ich einige Jahre fast nur online gelesen hatte, bin ich 2010 wieder auf das gute alte Buch zurückgekommen und habe diesen Trend 2011 verstärkt. Es folgen (in alphabetischer Reihenfolge der Verfasser) die zehn Bücher, die ich aus meiner Lektüre herausheben würde.
Teresa Caldeira, City of Walls: Crime, Segregation, and Citizenship in Sao Paulo
Eine zu Recht vielgerühmte Studie der brasilianischen Anthropologin über die sozialen Verwerfungen ihrer Heimatstadt Sao Paulo. (Stand 2000. Seither gibt es gewisse positive Veränderungen u.a. durch die Politik des ehemaligen Präsidenten Lula da Silva.)
Robert Caro, The Power Broker: Robert Moses and the Fall of New York
Eine spannend zu lesende, allerdings etwas detailverliebte und deshalb 1150 Seiten umfassende, Biographie, die beschreibt, wie man eine Stadt kaputtplanen und -sanieren kann.
Malcom Gladwell, The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference
(auch auf Deutsch erhältlich)
Für ihn lasse ich Sascha Lobo sprechen: ... die kritische Masse ..., der Netzwerkeffekt, das ganze Buch "The tipping point" des grandiosen Malcolm Gladwell dreht sich darum ... Gladwell [hat] als Grundthema "Drei Regeln von Epidemien" aufgestellt: The Law of the Few, The Stickness Factor und The Power of Context.
Owen Jones, Chavs: The Demonization of the Working Class
Wie seit Beginn des Thatcherismus die englische Arbeiterklasse (oder was von ihr übrig ist) von den Eliten systematisch entmachtet, diffamiert und stigmatisiert worden ist.
Michi Knecht, Die andere Seite der Stadt. Armut und Ausgrenzung in Berlin
Dieses Buch von 1999 ist das Ergebnis eines Studienprojekts der Berliner Humboldt-Universität. Die von Studenten zusammengetragenen Essays und Reportagen beschreiben unterschiedliche Formen von Armut und Marginalisierung in der Hauptstadt. [Für die Freunde der Gesellschaftstransformation: Wer sich für Kontextanalyse interessiert, findet hier feine Fallbeispiele teilnehmender Beobachtung und qualitativer Interviews.]
Marcia Pally, Die neuen Evangelikalen in den USA: Freiheitsgewinne durch fromme Politik
Wen der Einfluss der religiösen Rechten in den USA in eine jeremiadische Stimmung versetzt hat, den könnte dieses Buch trösten: "Vielleicht ist noch Hoffnung" (Klagelieder 3,29). Ich freue mich riesig, das Marcia Pally auf dem Transforum Berlin am 25. Februar (11:30 Uhr) über die Beobachtungen, die ihrem Buch zugrunde liegen, sprechen wird.
Mark Rutherford, The Revolution in Tanner´s Lane
Mit einem Adrian-Plass-ähnlichen scharfen Blick für die Schwächen der Frommen beschreibt dieser historische Roman aus dem England des 19. Jahrhunderts die Verflechtungen religiöser und politischer Sentimente.
Doug Saunders, Arrival City
(englisch und deutsch mit identischem Titel)
Aus der Buchbeschreibung bei Amazon: Drei Jahre lang hat Saunders in Berlin-Kreuzberg, im Londoner East End und den Banlieues von Paris, in den Favelas von Rio de Janeiro und den Barrios von Los Angeles mit Menschen über ihre Lebenspläne und -wirklichkeiten gesprochen. Über zwanzig solcher Viertel, Rand- und Außenbezirke, diese Orte der Ankunft - Arrival Citys -, portraitiert Saunders in seinem Buch. Sein Fazit: Scheitert die Arrival City, wird sie zum sozialen Brennpunkt, zur Brutstätte von Kriminalität und hybridem Extremismus, zum Elendsviertel. Blüht sie auf, wird die Arrival City zur Geburtsstätte der neuen Mittelschicht, der stabilen Wirtschaft und des sozialen Friedens einer Stadt. Ein Fazit: Wir Deutschen haben uns im Umgang mit diesem Thema dumm angestellt - aber das wussten wir bereits, oder?
Guy Standing, The Precariat: The New Dangerous Class
Alle reden vom Prekariat, Standing untersucht es.
Richard Wilkinson und Kate Pickett, The Spirit Level
(deutsch: Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind)
Dieses Buch ist aus meiner Sicht vielleicht die wichtigste Neuerscheinung des vergangenen Jahres. Es ist entstanden als Ergebnis jahrelanger Gesundheitsforschung und belegt, dass in den entwickelten Ländern Gesundheit, Wohlergehen und andere Lebensumstände nicht davon abhängig sind, ob eine Gesellschaft mehr oder weniger wohlhabend ist, sondern davon, wie groß die sozialen Unterschiede sind. Je weiter in einem Land die Schere zwischen Arm und Reich geöffnet ist, desto schlimmer sind die Auswirkungen für alle - auch für die Reichen.